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Neutestamentler Söding bei prominenter Ephesus-Tagung im Hiphaus

 Prof. Dr. Thomas Söding

St. Pölten, 14.10.2015 (dsp) Am 20. und 21. Oktober findet in St. Pölten im Bildungshaus St. Hippolyt die Tagung „Ephesus als Ort frühchristlichen Lebens“ statt. Organisiert wird sie von der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTH), Kooperationspartner sind das Katholische Bildungswerk (kbw) und das Bildungshaus St. Hippolyt. Einer der Referenten der prominent besetzten Tagung wird der Neutestamentler Thomas Söding aus Bochum sein. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Ephesus und über die Theologie, die der Epheserbrief enthält. Information und Anmeldung 

Ephesus ist aus dem Brief des Neuen Testaments bekannt, der sich an die Gemeinde dort richtet. Was ist das Besondere an Ephesus, dass dazu gleich eine Tagung stattfindet?

Einerseits ist die Stadt ein Hotspot der frühe Kirche: eine Mega-City der Antike mit einer der größten christlichen Gemeinden, ein Schmelztiegel unterschiedlicher Richtungen im frühen Christentum. Anderseits ist der Epheserbrief ein bedeutendes Zeugnis der Theologie: Er stellt die Kirche ins Zentrum des Nachdenkens, ihre Geschichte und Gegenwart, ihre Berufung, ein Ort des Friedens zwischen Juden und Heiden zu sein. Das alles ist aktuell bis heute, auch wenn es keine billigen Kopien gibt, sondern nur anspruchsvolle Übersetzungen, die situationsgerecht und kreativ sind - im Geist des Apostels Paulus.

Ist Ephesus mit Korinth zu vergleichen? Oder war es – als Ort des frühen Christentums – ganz anders?

Auch Korinth war eine der großen Städte des Altertums und eines der Zentren der paulinischen Mission. Aber Korinth ist eine Stadt ohne Geschichte, Ephesus steht in einer langen philosophischen, politischen und jüdischen Tradition. Die Korintherbriefe sind dichter dran an den Problemen der frühesten Gemeinden; der Epheserbrief ist abgeklärter.

Sie werden über das Bild der Kirche nach dem Epheserbrief sprechen. Was sind die wesentlichen Merkmale dieses Bildes?

Die Kirche steht im Zentrum des Briefes. Das Bild der Kirche ist dreidimensional. Die wichtigste Dimension ist die Gottesbeziehung; die Kirche ist eine Gabe Gottes an die Welt, und in der Kirche gibt es viele Gaben Gottes an Menschen, die ihre Berufung, ihren Lebenssinn, ihr Glück im Glauben finden sollen. Aus der lebendigen Gottesbeziehung ergibt sich ein lebendiges Verhältnis zur Geschichte. Die Kirche ist auf dem Fundament der Apostel und Propheten errichtet. Sie muss aus dieser Wurzel leben, um zu wachsen. Die dritte Dimension ist die Zeitgenossenschaft: Die Kirche hat die Möglichkeit, auf der Höhe der Zeit das Evangelium zu verkünden.

Zeigen sich diese Merkmale der Kirche nach dem Epheserbrief heute noch augenfällig? Das heißt: Wo ist der Einfluss von damals heute sichtbar?

Die Kirche ist heute viel größer als damals. Sie hat viel mehr Möglichkeiten, kennt aber auch viel größere Versuchungen. Die Amtsstruktur der Kirche ist vom Epheserbrief geprägt, die Liturgie und Katechese. Das wird oft gesehen. Das Zweite Vatikanische Konzil ist in seiner Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ sehr stark vom Epheserbrief beeinflusst. Ich will zwei häufiger übersehene Motive nennen. Das eine: Der Epheserbrief setzt auf Bildung. Er will, dass alle wissen, was sie glauben und weshalb. Deshalb wird die Kirche nicht zur höheren Bildungsanstalt. Aber das Urchristentum ist eine Bildungsreligion – in Zeiten, da der religiöse Analphabetismus selbst unter den Gebildeten grassiert, wichtiger denn je. Der andere Motiv: Der Epheserbrief setzt auf die Familien. Er tut dies in den Formen seiner Zeit. Aber er bahnt die Vorstellung an, dass Ehen aus Liebe geschlossen und in Liebe geführt werden – nach dem Vorbild des Verhältnisses zwischen Christus und der Kirche.

Wie ist die Tagung „Ephesus als Ort frühchristlichen Lebens“ konzipiert, was ist ihr Spezifikum?

Der Epheserbrief ist zwar theologisch und historisch wichtig. Aber er ist kein klassischer „Aufreger“. Er trägt zur Beruhigung der Nerven bei, zur Gelassenheit, zur Konzentration auf das Wesentliche. Deshalb steht er ein wenig im Schatten der Aufmerksamkeit. Anders ist das mit Ephesus als Schaltzentrale der Paulusmission. In der St. Pöltener Tagung werden die verschiedenen Ansätze miteinander ins Gespräch gebracht. Das macht die Tagung interessant.

Und wie ist die Tagung in die Gesamtlage der wissenschaftlichen Diskussion zu „Ephesus“ eingebettet?

Das werden wir sehen. Wir kommen ja nicht mit lange vorgefertigten Textbausteinen nach St. Pölten, sondern mit frischen Thesen – und werden sehen, wie sie sich im Gespräch bewähren. Ich erwarte auf drei Ebenen einen starken Forschungsimpuls: Erstens werden die theologische Bedeutung, historischer Entwicklungen und die historische Dimension theologischer Perspektiven beim Thema Kirche transparent. Zweitens wird der Rückblick auf das Neue Testament mit der lebendigen Wirkungsgeschichte in der Alten Kirche verbunden, sodass auch umgekehrt deutlich wird, welche Weichenstellungen der Anfangszeit das stürmische Wachstum der Kirche begünstigt haben und welche Probleme von Anfang an in der Kirchengeschichte mitgelaufen sind. Drittens wird der aktuelle Bezug der Bibelwissenschaft zu den heutigen Kirchenreformdebatten sichtbar; schon die Themenwahl und der Ort der Tagung setzen ein Signal.

Was können Christen heute für ihr Glaubensleben anhand von Ephesus erfahren? In welchen Punkten gibt es hier Orientierung?

Der Epheserbrief zeigt, wie groß und schön die Räume des Glaubens sind. Er führt aus dem Klein-Klein heraus, das zu oft die Diskussionen in der Kirche und in der Gesellschaft beherrscht. Wer den Brief mit den „Augen des Herzens“ liest (ein Bild aus dem Brief selbst), erkennt, dass der Himmel nicht verschlossen, die Vergangenheit nicht vergessen, die Zukunft nicht versperrt ist. Entscheidend ist, das Verhältnis zu Jesus Christus zu klären. Da setzt der Epheserbrief eine Fülle von Orientierungsmarken. Den Weg muss man selbst gehen. 

Information zur Tagung und Anmeldung