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Das Leben wagen – die Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens: Eine PTH/KBW-Exkursion nach Seitenstetten

St. Pölten, 24.10.2015 (dsp) Das Leben der Hélène de Chappotin, mit Ordensnamen Marie de la Passion, unterschied sich von dem anderer missionarischer Frauen des 19. Jahrhunderts durch ihren Mut, ihre Originalität und ihre Freiheit. Heute folgen rund um die Welt etwa 6500 Schwestern als Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens ihren Auftrag, einige davon im Kloster in Seitenstetten. Dieses war das Ziel der jüngsten Exkursion der Phil.-Theol. Hochschule gemeinsam mit dem Katholischen Bildungswerk anlässlich des Jahrs der Orden und damit Auftakt der PTH/KBW-Exkursionsreihe in die Frauenklöster unserer Diözese.

Der Vormittag war dem Studium des Lebens der Gründerin des Ordens und ihrem spirituellen Erbe gewidmet, der Nachmittag der Geschichte des Ordens seit dem Zweiten Vatikanum bis in die Gegenwart und den Werken der Gemeinschaft heute – aufbereitet durch Sr. Michaela Gehart, vielen Menschen bekannt als Moderatorin von Radio Maria, und begleitet von einem Aufgebot fast aller Schwestern der Gemeinschaft. Und dabei wurde eines rasch klar: Hélène de Chappotin war ein Frau so modern und engagiert, geduldig, hartnäckig und erfolgreich in ihrer Mission der Nachfolge Jesu und des Franziskus, dass sie für uns alle heute ein aktuelles Vorbild ist.

Am 21. Mai 1839 in Nantes, Frankreich, geboren, begann Hélène de Chappotin bedingt durch den Tod naher Verwandter schon früh nach dem zu suchen, was im Leben bleibend ist und was wirklich Wert hätte, geliebt zu sein. Mit 21 Jahren trat sie in das Klarissenkloster in Nantes ein, wo sie eine erste tiefe Begegnung mit der franziskanischen Spiritualität hatte, musste jedoch das Kloster bald aus Gesundheitsgründen wieder verlassen. Mit 25 Jahren wagte sie es schließlich noch einmal und trat auf Anraten ihres Beichtvaters in die Ordensgemeinschaft der jesuitischen „Marie Reparatrice“, der „Sühneschwestern Mariens“ ein, die einige Missionen in Indien unterhielt. Dorthin wurde Marie de la Passion noch als Novizin im Jahr 1865 gesandt, und zwar in die Mission nach Madura, wo sie 11 Jahre blieb. Die Schwestern waren vor allem in der Erziehung von Frauen und Mädchen eingesetzt. Schon nach kurzer Zeit wurde Marie zur Hausoberin ernannt und anschließend zur Provinzoberin von Madura.

Marie de la Passion entwickelte jedoch ein anderes, eigenständiges Missionsverständnis als das ihres jesuitischen Ordens. Im Jahr 1876 beschloss sie gemeinsam mit 20 anderen Schwestern die Gründung einer neuen Missionsgemeinschaft franziskanischer Spiritualität mit dem Namen Missionarinnen Mariens. Trotz innerkirchlicher Skepsis gegenüber ihrer Person und dem neuen Orden und einiger Rückschläge entwickelte sich dieser sehr rasch und verbreitete sich über die ganze Welt. Die Schwestern gründeten zahlreiche Spitäler und Werkstätten für Arme und Verlassene. Der Schutz der Frau und die soziale Frage interessierten die Schwestern besonders. Marie de la Passion starb nach kurzer Krankheit am 15. November 1904 und ließ mehr als 2000 Ordensfrauen und 86 Häuser auf vier Kontinenten zurück. Ihre sterblichen Überreste ruhen in der sog. „Blauen Kapelle“ im Generalhaus der Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens in Rom. Am 23. April 2002 wurde Marie de la Passion von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Ihr liturgischer Gedenktag wird am 15. November gefeiert.

Das Schicksal der österreichischen Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens ging sogar in die heimische Filmgeschichte ein, als die Schwestern das Annunziata-Kloster im niederösterreichischen Eichgraben, am östlichsten Rand unserer Diözese gelegen, aufgrund ausbleibender Neueintritte und aus wirtschaftlichen Zwängen aufgeben mussten. Das Kloster war die erste österreichische Niederlassung der Franziskanerinnen-Missionarinnen Mariens in Österreich gewesen und war aufgrund einer Schenkung der Erzherzogin Ludovika im Jahr 1898 gegründet worden. Nach über 100 Jahren Betrieb, in dem etwa 2000 Novizinnen ausgebildet wurden, musste der Betrieb im Jahr 2011 eingestellt werden, die Schwestern siedelten in ein kleineres Haus – nach Seitenstetten. Der ORF-Journalist und Regisseur Helmut Manninger begleitet im Dokumentarfilm „Die große Reise“ die Schwestern in den letzten Wochen vor Schließung ihres Klosters. Der Film lief mit Erfolg in den österreichischen Kinos und ist auf DVD erhältlich.

Buchtip: Marcel Launay, Das Leben wagen. Hélène de Chappotin (1839-1904) und die Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens. Verlag Verbinum: Warschau 2001.