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Bischof Dr. Alois Schwarz über Theologie und unsere Hochschule

St. Pölten, 03.10.2018 (dsp) Unser Bischof Dr. Alois Schwarz hat vor Kurzem mit Prof. Dr. Veit Neumann, der Professor für Pastoraltheologie an unserer Hochschule und auch Journalist ist, das folgende, ausführliche Interview über Theologie, die Aufgabe der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten und die Verkündigung geführt.

Punktgenauer in die Wirklichkeit hinein

Sehr geehrter Herr Bischof, wozu braucht es heute die Theologie?
Die Theologie ist als Wissenschaft und Sinndeutungsangebot für die Menschheit dringend notwendig. Es geht darum, sich in das Nachdenken über Gott zu vertiefen, dieses Nachdenken wissenschaftlich zu erforschen und es darzulegen, kurz: die Suche des Menschen nach Gott auf einer fundierten und reflektierten Basis verständlich zu machen. Das ist grundlegend handlungsleitend.

Theologie ist Institution und Reflexion, aber auch ein geistlicher Vorgang.
Die wissenschaftliche Theologie deckt beides ab: das Reflektierte, Nachdenkliche und wissenschaftlich Fundierte, das in die Zeitsituation der Menschen hineinverwoben wird. Die Lebenswirklichkeit der Menschen derart wissenschaftlich im Blick zu haben, das soll auf der spirituellen Ebene eine andere Dimension von Lebenshaltung ansprechen. Und das hat konkrete Auswirkungen für die Gestaltung des Lebens. 

Welche Bedeutung hat Theologie für Sie als Bischof?
Die theologische Wissenschaft erforscht, reflektiert und deutet die aktuelle Situation anhand der Zeichen der Zeit. Das hilft mir als Bischof, bei der Verkündigung zeitgerechter und punktgenauer in die Lebensrealitäten der Menschen hinein zu wirken. Auch braucht es die Theologie, um die Pastoral zu gestalten.

Setzen Sie Hoffnung in die Theologie?
Ich brauche gerade als Bischof die Theologie, ihre Forschung, Wissenschaft und ihr kompetentes Formulieren für einen verantwortlichen Dialog mit gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen. Ich bin für die wissenschaftliche Zuarbeit dankbar, ich bin sogar dringend darauf angewiesen. Mir fehlt oft die Zeit, die Dinge theologisch zu erforschen und auszuformulieren. Es bräuchte viel mehr noch den Dialog der Bischöfe mit den Theologen.

Ist die Theologie für Sie ein Reservoir?
Ja, aber ich muss ständig an den Brunnen gehen, damit das Wasser auch frisch bleibt. Ein Leben aus der Reserve gibt es nicht. Theologie, Zeit und Gesellschaft entwickeln sich. Gewiss haben wir andere Fragestellungen als in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Auch die Zeichen der Zeit sind andere als damals. Und doch haben wir genauso zeitgemäß und theologisch fundiert Antworten zu geben. Nur werden sie eben anders sein als vor 60 Jahren.

Die neue Unübersichtlichkeit?
Die Theologie hilft uns, Resonanz- und Echoräume für das zu finden, was wir an heilenden und provozierenden Worten für die Gesellschaft haben. Theologie darf nicht an die Gesellschaft angepasst sein. Sie muss die Gesellschaft zu neuen Fragen und Herausforderungen motivieren, damit diese angesichts der faktischen Unübersichtlichkeit zu neuen Entwicklungen findet.

Wie sehen Sie die Theologie?
Einerseits gibt die Theologie Antworten auf Zeitfragen. Anderseits ist sie eine ganz große Provokation für die Gesellschaft: Was heißt in der heutigen Gesellschaft Mensch sein? Wie steht es um den Menschen, wenn der Psalmist sagt: Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott? Was ist mit den Dimensionen Mensch und Gott? Der Mensch lebt in unübersichtlichen Verhältnissen, aber er sucht einen Resonanzraum für die Seele. Die Theologie ist herausgefordert, wissenschaftliche Antworten und spirituelle Hilfen zu geben, das Mysterium unseres Gottes noch weiter zu öffnen, damit der Mensch neugierig und auf der Suche bleibt.

Soll die Theologie zusammenführen oder Streit bringen?
Geht es um das innere Gefüge des Menschseins, muss sie zusammenführen. Streit wird die Theologie bringen, wo die gesellschaftliche Entwicklung vom Menschsein wegführt, wo der Mensch versucht, den Menschen nach seinem Maß zu machen, und wo der Mensch von sich selbst entfremdet wird. Dort muss die Theologie in die Zeit hinein eine kritische Mahnerin sein: Mensch, achte darauf, du verlierst dein Menschsein, deine Gottebenbildlichkeit. Der Mensch muss an Gott Maß nehmen.  

Nimmt sich die Theologie ernst genug?
Die Theologie muss mit dem Selbstbewusstsein auftreten, dass sie eine weltgestaltende Kraft hat und ist. Sie ist nicht eine Stimme neben anderen medialen Stimmen, sondern sie ist die Stimme, der es um den Menschen, seine Zukunft, die Schöpfung, das Haus, das wir gemeinsam bewohnen, um die ganze Welt geht. Die Theologie hat eine besondere Kraft, wenn sie die Themen anspricht, bei denen es um die Zukunft der Menschheit geht. 

Wie wichtig ist die berufliche Verwertbarkeit der Theologie? 
In verschiedenen säkularen Berufen, in Industrie und Medien etwa brauchen wir Menschen mit einem theologischen Basiswissen: religionskundig, auskunftsfähig und dialogbereit. Religion gehört heute zum Kulturwissen. Es ist wichtig, dass Menschen über Gott und die Welt Auskunft geben können. Die katholische Theologie ist gefragt, diese Menschen heranzubilden, um am Gespräch der Zeit teilnehmen zu können. Darin sehe ich die große Aufgabe der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten. Das sollten wir ausbauen. In diesem Sinne sollen Menschen aus säkularen Berufen an unserer Hochschule eine theologische (Zusatz-)Qualifikation erwerben können.  

Das kommt auch dem Bildungsstandort St. Pölten entgegen.
Unsere Theologie ist sicher geeignet, auch Menschen zu qualifizieren, die an anderen Standorten studieren. Wir haben eine ganze Reihe an universitären und Hochschuleinrichtungen hier: die Fachhochschule St. Pölten, die New Design University und die universitären Einrichtungen in Krems.

Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die Theologinnen und Theologen an unserer Hochschule?
Ich erhoffe mir, dass unsere Philosophisch-Theologische Hochschule wissenschaftlich hochqualifiziert, spirituell fundiert und mit großer Ernsthaftigkeit die theologische Forschung und Bildung vorantreibt. Dann werden Menschen sagen: Du musst nach St. Pölten gehen, dort erfährst du etwas, was neue Perspektiven, ja neue Dimensionen für dein Leben eröffnet. Ich hoffe, dass wir uns oft begegnen können. Mich interessieren Eure Forschungen, und ich möchte auch sagen, welche theologischen Fragen mich als Bischof mit Blick auf die Seelsorge interessieren. 

Menschen, die sich für Theologie interessieren, fühlen sich durch die Authentizität theologischer Lehrer und ihrer Gedanken angezogen.
Eine theologische Schule entsteht, wenn theologische Lehrmeister und Lehrmeisterinnen an einem besonderen Ort miteinander für ein theologisches Nachdenken stehen, das auf die Studierenden lebensprägend wirkt. Die Impulse einer solchen Schule wecken in Menschen das Bedürfnis, sie anderen weiterzugeben. So soll es in St. Pölten sein, das brauchen wir.  

Wie soll die Prägung beschaffen sein, die Menschen bei uns empfangen können?
Die Menschen, die sich einer solchen St. Pöltener Schule verpflichtet fühlen, sind kompetent, sich mit anderen auseinanderzusetzen, zu diskutieren und sich ansprechend zu äußern. 

Welche Stärken hat unsere Hochschule?
Die Hochschule ist ein Leuchtturmprojekt: Interessierte, kommt’s! Ich sehe in der Hochschule eine enorme Bildungschance mit einem enormen Potential. Ich möchte nicht mit dem ökonomischen Blick auf die Hochschule schauen. Dieser wird heute allzu schnell angewandt. Dann heißt es: Was rechnet sich, was nicht? Studierende dürfen und sollen aber mit einem Professor oder einer Professorin unterwegs sein. Das ist eine ganz eigene Schule. Andernorts trägt ein Professor vor und steht nur wenig zur Verfügung. Ich stehe bis heute mit der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Kontakt, wo ich regelmäßig im Kardinal-Kasper-Institut war. Vallendar ist eine kleine Hochschule, die sich positioniert und qualifiziert hat. Auch kleine Hochschulen oder Universitäten können eine erhebliche Hebelwirkung in die Gesellschaft hinein haben. Das gilt ganz sicher auch für St. Pölten. 

Ihre Aussagen haben einen deutlichen biographischen Hintergrund.
Ja, es hat mich geprägt, dass man mit Professoren ein Stück weit leben und diskutieren kann und manches auch außerhalb der Vorlesung erleben kann. Ich habe im Priesterseminar in Wien mit den Professoren Gisbert Greshake, Josef Müller sowie mit dem Neutestamentler Jakob Kremer gelebt. Wir haben uns nicht nur an der Universität, sondern auch im gemeinsamen Leben gesehen. Allmählich hat es sich herausgebildet, dass ich der Schüler von dem und dem bin. 

Eine Verzahnung von Theologie und Biographie?
Das wird in der digitalen Gesellschaft noch dringender und notwendiger. Wissen kann ich immer mehr abrufen. Menschliche Beziehung, theologische Qualifikation und Lebenshaltung aber brauchen Dialog, Begegnung und gemeinsame Zeiten. Und es braucht Orte. Von jedem Ort aus kann ich alles Mögliche abrufen, wenn es nur ein Welan gibt. Theologische Thesen sind schnell zu greifen. Aber es ist wichtig, wo ich studiere. Ob ich in Rom, St. Pölten oder Wien studiere, hat Einfluss auf mein theologisches Denken. Der Ort bestimmt die Theologie erheblich mit. Deshalb haben wir darüber gemeinsam nachzudenken, was die Theologie in St. Pölten qualifiziert, was ihre spezifischen Parameter sind, was uns hier ausmacht.  

Augsburg ist etwas anderes als München, St. Pölten ist etwas anderes als Wien.
So ist es. In Münster zu studieren ist etwas anderes als in Paderborn. 

Das Denken, gerade auch das theologische Denken hat mit Menschen, Orten, Gebäuden, Stilen, Farben und Prägungen zu tun. 
Das ist meine Überzeugung. Und es geht noch weiter: Unser theologischer Standort St. Pölten ist ein aufstrebender Ort des Aufbruchs. Das zeigt sich an der Bevölkerungsentwicklung. Neuer Wohnraum entsteht und viele Menschen ziehen aus Wien hierher. Die Wirtschaft und die Industrie haben in diesem Land eine ganz besondere Verlässlichkeit, was sich in der Arbeitsplatzsicherheit und bei der Entwicklung der Infrastruktur der Bildung ablesen lässt. Im Feld der Donau-Universität Krems, des Universitätsklinikums St. Pölten und der New Design University steht die über 200 Jahre alte Institution der Philosophisch-Theologischen Hochschule.  

Was kann sie einbringen?
Wir sind mit unserem theologischen Wissen ein verlässlicher Gesprächspartner. Vielleicht entdecken andere Institutionen: Was die Personen an der Hochschule in großer Verlässlichkeit seit 200 Jahren tun, kann uns Sicherheit geben, um gut in die Zukunft zu gehen. Immer geht es um die Frage: Wie kann der Mensch in diesem Land Mensch bleiben? In baulicher Hinsicht ist die religiöse Tradition dieses Landes barock. Wie aber kann der Mensch eine innere Verlässlichkeit gewinnen? Was ist aus dieser Substanz für die Zukunft des Landes hilfreich? Diese Kernfrage hat mit eminent theologischen Fragen zu tun.

Wer hat Sie theologisch geprägt?
Das war Walter Kasper. Ich nenne auch Joseph Ratzinger mit der „Einführung ins Christentum“. Zu meinen Lehrern gehören Gisbert Greshake, in der Exegese Rudolf Schnackenburg und Joachim Gnilka, in der Pastoraltheologie Josef Müller und in der Katechese Dieter Emeis. Greshake kam als Schüler Kaspers nach Wien. Und als Assistent kam ich durch die Treffen der deutschsprachigen Pastoraltheologen und der deutschsprachigen Homiletiker in eine neue Welt des Gesprächs. Da waren Franz Kamphaus und Rolf Zerfaß.  

Es gibt Hemmungen, sich zu bekennen, dass einen eine theologische Frage bewegt. In den 1970er- und auch noch in den 1980er-Jahren war es selbstverständlicher, sich zusammenzusetzen und freimütig zu sprechen.
Schon im Knabenseminar wurde über die Fragen, die einen theologisch bewegen, so gesprochen, dass dies für mich selbst eine wichtige Motivation wurde, auf dem Weg der Berufung weiterzugehen. Später dann als junger Priester war der St. Peterner Kreis eine große Hilfe. In dieser Runde aus Theologen und Bischöfen wurde laut über das nachgedacht, was uns bewegt, über die Themen, die einen umtreiben. Das waren Oskar Saier, Paul Wehrle, Ludwig Mödl, Konrad Baumgartner, Josef Müller, Lothar Roos und Valentin Doering, und ich durfte auch dabei sein. Ich ermutige zu solchen Gesprächsrunden! Man darf erzählen, was theologisch die Frage ist. Ich selbst habe durch solches Erzählen gelernt, was theologisch interessant sein kann, welche Bedeutung es in der jeweiligen Situation haben kann und auch wie so etwas ansprechend in Sprache zu bringen ist.

Vor etwa fünf Jahren etwa predigte Kardinal Karl Lehmann: Der Theologe muss hinausdenken können.
Ja, der Theologe muss sich hinauswagen. Es gilt, nicht gleich zu verurteilen. Vielmehr ist der oder die doch Professor und Professorin. Sie dürfen sogar weit hinausdenken und sie sollen ruhig einmal austesten und sehen, was ein anderer dazulegt.  

Wenn ich mit meinem jüdischen Freund Alexander Fried telefoniere, vergehen keine fünf Sätze und wir sind schon beim Thema des Judentums. Ohne Scham bekennt er, dass Gott Teil des Lebens ist. 
Aus dem Judentum können wir sehr vieles lernen. Ich brauche das Gespräch mit dem Judentum für die Verkündigung. Im sechsten Monat, im Monat des Jom Kippur, also des Versöhnungstages, kam der Engel des Herrn zu Maria. Das ist wichtig zu wissen. Und ich brauche das Gespräch mit der Literatur.  

Warum das?
Damit ich sprach-beweglich bleibe. Dabei hilft mir die Literatur. Ich nenne nur Hilde Domin, Nelly Sachs und Rose Ausländer. Sie stehen der biblischen Sprachwelt nahe. Ich habe als Bischof viel zu predigen und zu verkündigen. Ich benötige daher das Gespräch mit der Dichtung, insbesondere mit der Lyrik. Die Literatur verhilft bei der Deutung des Evangeliums zu Sprachvielfalt. Die Bibliothek ist das einzige, was ich hier schon eingeräumt habe.  

Sie sprachen mehrfach an, dass Sie in der Verkündigung stehen. Wie geht Verkündigung?
Das ist eine zentrale Frage, und ich will versuchen, eine Antwort zu geben. Wir sind Verlangsamer. Das heißt: Wir können nicht bestimmen, wo die Menschen stehen, aber wir können uns an ihre Seite stellen und sagen: Was siehst du von diesem Blickwinkel aus? Von diesem Blickwinkel siehst du womöglich noch etwas anderes. Unsere Aufgabe ist daher Horizonterweiterung. Bei vielen Menschen ist Unübersichtlichkeit der Zustand, dass sie nicht mehr wissen, wohin sie sehen sollen. Sie stehen in der Hektik, wir aber sind Verlangsamer. Zusammen mit den Menschen konzentrieren wir den Blick. Wenn ich nur dahin sehe, dann habe ich trotz der Einengung meines Blicks einen Gewinn an Freiheit. Das ist die paradoxe Erfahrung der Blickerweiterung durch Einengung. Es ist die Freiheitserweiterung durch die Entscheidung. Durch die Verkündigung helfen wir Menschen, gerade diese Erfahrung zu machen.  

Vielen Dank, Herr Bischof, für dieses Gespräch.